
Individualsoftware vs. Standardsoftware: Wann lohnt sich Maßanfertigung?
Individualsoftware lohnt sich, wenn der Prozess selbst Ihr Wettbewerbsvorteil ist oder wenn Sie ihn heute nur mit Tabellen, Handarbeit und einer einzigen eingeweihten Person zusammenhalten. Das harte Kriterium: Erst wenn die Lizenz- und Anpassungskosten einer Standardlösung über fünf Jahre die einmalige Entwicklung plus fünf Jahre Wartung übersteigen und kein Fertigprodukt den Prozess ohne Dauerworkaround abbildet, ist die Maßanfertigung die günstigere Wahl. In allen anderen Fällen – Buchhaltung, Lohn, Ticketing, CRM-Grundlagen – kaufen Sie Standardsoftware.
· Aktualisiert: · 13 Min. Lesezeit · David De Matteo
DAS WICHTIGSTE IN KÜRZE
- ·Der häufigste Fehler ist, Individualsoftware zu beauftragen, weil ein Fertigprodukt „nicht ganz passt“. Das ist kein Grund – ein Grund ist, dass der Prozess Ihr Wettbewerbsvorteil ist oder heute nur durch Handarbeit zusammenhält.
- ·Für Buchhaltung, Lohnabrechnung, Zeiterfassung, Ticketing und CRM-Grundlagen ist Standardsoftware die klar richtige Wahl: Dort steckt gesetzliche Pflege im Produkt, die Sie sonst selbst bezahlen.
- ·Der meist beste Weg ist der dritte: Standard im Kern, Eigenentwicklung an der Kante. Nicht das ERP nachbauen, sondern die Schnittstelle, den Konfigurator oder das Kundenportal.
- ·In unserer Modellrechnung mit 25 Nutzern kippt die Fünf-Jahres-Rechnung nach rund 34 Monaten zugunsten der Eigenentwicklung. Bei 8 Nutzern kippt sie nicht – dort bleibt Standard über fünf Jahre deutlich günstiger.
- ·Beide Wege haben versteckte Kosten: Standard bezahlt man in Workarounds, Anpassungsberatung und Migrationssperre, Individualsoftware in Wartung, Wissensbindung und Dienstleisterabhängigkeit.
- ·Das Risiko lässt sich halbieren, bevor das Budget steht: Prozessaufnahme im Discovery, ein lauffähiger Durchstich vor dem Vollausbau und Auslieferung in Etappen mit definierten Abbruchpunkten.
Die Entscheidungsregel in drei Sätzen
Die Frage wird fast immer zu spät und zu unscharf gestellt. Typisch ist dieser Ablauf: Ein Fertigprodukt ist seit Jahren im Einsatz, drei Abteilungen haben sich Hilfskonstruktionen gebaut, und irgendwann fragt jemand, ob man das nicht selbst entwickeln lassen sollte. Der Auslöser ist dann Frustration, nicht Kalkül – und Frustration ist eine schlechte Grundlage für eine Investition, die fünf Jahre trägt.
Die belastbare Regel lautet: Individualsoftware lohnt sich, wenn der Prozess Ihr Wettbewerbsvorteil ist oder wenn Sie ihn heute mit Tabellen, Copy-and-paste und Absprachen zusammenhalten. Sie lohnt sich nicht, weil eine Standardlösung zu 85 Prozent passt. Die restlichen 15 Prozent kosten in der Eigenentwicklung regelmäßig mehr, als die Reibung im Alltag wert ist – es sei denn, genau diese 15 Prozent sind der Grund, warum Kunden bei Ihnen kaufen.
Wir legen offen, warum dieser Artikel von einem Anbieter kommt, der an Individualsoftware verdient: Ein Projekt, das nach zwei Jahren eingestellt wird, weil es nie hätte beauftragt werden dürfen, kostet uns die Referenz und Sie das Budget. Unter /softwareentwicklung steht deshalb ein eigener Abschnitt dazu, wann Sie besser jemand anderen fragen. Buchhaltung, Lohnabrechnung und klassisches CRM bauen wir nicht nach.
Prüfen Sie zuerst, ob Standardsoftware reicht. Erst wenn diese Prüfung mit einem belegbaren Grund scheitert, ist die Maßanfertigung eine wirtschaftliche Entscheidung und keine Geschmacksfrage.
Wann Standardsoftware klar gewinnt
Es gibt eine Klasse von Prozessen, bei denen Eigenentwicklung fast immer die falsche Antwort ist: Prozesse, die gesetzlich vorgegeben sind, sich regelmäßig per Gesetz ändern und in jedem Unternehmen gleich ablaufen. Hier kaufen Sie nicht in erster Linie Funktionen, sondern die laufende Pflege durch den Hersteller. Wer eine Lohnabrechnung selbst baut, übernimmt die Verantwortung dafür, jede Änderung an Beitragssätzen und Meldeverfahren rechtzeitig nachzuziehen – jedes Jahr, unbefristet.
Das zweite Muster: austauschbare Prozesse mit reifem Anbietermarkt. Ticketing, Zeiterfassung, Dateiablage oder E-Mail sind Infrastruktur. Ein eigenes Ticketsystem bringt keinem Unternehmen einen Vorteil, kostet aber dauerhaft Wartung. Dasselbe gilt für das Kerngeschäft einer Warenwirtschaft: Buchungslogik, Lagerbewegungen und Belegkreisläufe sind in Systemen wie Microtech Büro+ oder SAP in Jahrzehnten gereift.
- ·Buchhaltung und Jahresabschluss: DATEV-Anbindung, GoBD-konforme Ablage und jährliche Gesetzesänderungen pflegt der Hersteller – nicht Ihr Dienstleister und nicht Sie.
- ·Lohn- und Gehaltsabrechnung: Beitragssätze, Pfändungstabellen und Meldeverfahren ändern sich laufend. Eine Eigenentwicklung wäre hier eine unbefristete Pflegeverpflichtung.
- ·Zeiterfassung und Urlaubsverwaltung: klar umrissener Prozess, dichter Anbietermarkt, kein Differenzierungspotenzial.
- ·Ticketing und Helpdesk: Standardprodukte bieten Eskalationslogik, SLA-Messung und Kanalanbindung fertig an.
- ·CRM-Grundlagen: Kontakte, Aufgaben, Pipeline und E-Mail-Historie. Individuell wird ein CRM erst durch die Anbindung an Ihre Fachsysteme, nicht durch die Kontaktverwaltung.
- ·Warenwirtschaft im Kern: Beleg-, Lager- und Buchungslogik. Wir haben mit Microtech Büro+, SAP und DATEV gearbeitet – und keines davon je nachgebaut.
- ·Dokumentenablage mit Aufbewahrungsfristen: Unveränderbarkeit und Revisionssicherheit sind im Produkt bereits gelöst.
Wann Individualsoftware gewinnt
Spiegelbildlich gibt es Situationen, in denen jede Standardlösung nur eine Näherung bleibt. Die klarste davon: Der Prozess ist das Produkt. Der Gitterrost-Konfigurator, den wir für FeNau gebaut haben, führt in neun Schritten von Traglast und Maschenweite über Material und Maße bis zu Aus- und Abschnitten, rechnet nach einem DIN-Regelwerk, zeichnet eine maßstäbliche Plandarstellung und gibt ein PDF-Datenblatt samt Sofort-Festpreis aus. Kein Shop-Plugin leistet das, weil die Fachlogik das Geschäft ist.
Der zweithäufigste Fall ist das fehlende Bindeglied. Zwei Standardsysteme funktionieren einzeln, aber zwischen ihnen steht Handarbeit. Der Connector zwischen Shopware 6 und dem OBI-Marktplatz auf Mirakl-Basis ist genau das: Shopware bleibt führendes System und Standardprodukt, der Connector übernimmt Mapping, Warteschlangen, Wiederholungen und den Rückfluss von Bestellungen und Retouren. Gebaut wurde nicht das Shopsystem, sondern die Lücke dazwischen.
Dazu kommen drei wirtschaftliche Auslöser, die sich rechnen lassen. Erstens: Lizenzkosten steigen mit der Nutzerzahl, der Nutzen pro Nutzer aber nicht – klassisch bei Gelegenheitsnutzern in Lager, Montage oder Außendienst, die eine Vollizenz für drei Klicks am Tag brauchen. Zweitens: Mehrere Systeme sind nur über Excel verbunden. Drittens: Daten dürfen aus regulatorischen oder vertraglichen Gründen nicht beim Anbieter liegen.
- ·Der Prozess ist das Produkt – Konfiguratoren mit eigener Regel- und Preislogik, beschrieben unter /produktkonfiguratoren und in der Referenz /referenzen/fenau-konfigurator.
- ·Zwischen zwei Standardsystemen fehlt das Bindeglied, siehe /referenzen/obi-shopware-connector: bidirektionaler Sync statt doppelter Pflege.
- ·Lizenzkosten skalieren mit der Kopfzahl, der Nutzen nicht – besonders teuer bei vielen Gelegenheitsnutzern.
- ·Die eigentliche Prozesslogik liegt in einer gewachsenen Excel-Datei mit Makros, die genau eine Person pflegt. Der Bus-Faktor dieser Datei ist eins.
- ·Daten müssen im eigenen Haus bleiben – eigene Datenbank, eigener Betrieb, keine Verarbeitung durch einen Plattformanbieter.
- ·Sie wollen das Ergebnis selbst vermarkten: Eine SaaS-Plattform mit Mandantentrennung und Abrechnung wie LeadCollect ist per Definition kein Standardprodukt.
Der dritte Weg: Standard im Kern, Eigenes an der Kante
In der Praxis ist die Frage „kaufen oder bauen“ meist falsch gestellt, weil sie eine Entweder-oder-Entscheidung über ein ganzes System erzwingt. Die wirtschaftlich beste Antwort lautet fast immer: beides, aber sauber getrennt. Der Kern bleibt Standard – dort, wo Reife, gesetzliche Pflege und Anbietermarkt zählen. Individuell wird die Kante: die Schnittstelle, der Konfigurator, das Portal, die Auswertung.
Dieser Zuschnitt hat einen handfesten Vorteil: Er begrenzt den Schaden, wenn eine Annahme falsch war. Eine Schnittstelle für 5.000 bis 15.000 € lässt sich neu bauen, ein selbst entwickeltes ERP nicht. Außerdem bleibt die gesetzliche Pflege beim Hersteller des Kernsystems, während Sie nur den Teil besitzen, der tatsächlich Ihnen gehören sollte.
Die Abgrenzung muss allerdings vor dem ersten Entwurf stehen, nicht während der Umsetzung. Wir legen dazu je Datenart ein führendes System fest und beschreiben gerichtete Datenflüsse. Wer diese Entscheidung offenlässt, baut zwei Wahrheiten – und keine davon ist später nachweisbar richtig.
- ·Das ERP bleibt Standard, die Marktplatz- und Shopanbindung wird gebaut – der häufigste Projekttyp bei uns.
- ·Der Shop bleibt Standard, der Konfigurator mit Preis- und Regellogik wird gebaut.
- ·Das CRM bleibt Standard, das Kundenportal mit Auftragsstatus aus dem ERP wird gebaut.
- ·Die Buchhaltung bleibt beim Fertigprodukt, automatisiert wird nur der Belegfluss dorthin.
- ·Die Datenquelle bleibt Standard, die Anreicherung wird gebaut – wie im Umakov-Scraper, der Lieferantendaten abruft und daraus kanalspezifische Texte erzeugt.
Fragen Sie nicht, ob Sie kaufen oder bauen. Fragen Sie, welcher Teil Ihres Prozesses austauschbar ist – den kaufen Sie – und welcher Teil Sie von Wettbewerbern unterscheidet. Nur den bauen Sie.
Zehn Kriterien im direkten Vergleich
Die folgende Tabelle vergleicht die drei Wege entlang der Kriterien, die in Entscheidungsvorlagen regelmäßig fehlen. Auffällig ist, dass keine Spalte durchgehend gewinnt: Standardsoftware führt bei Einstiegskosten, Einführungszeit und Updateaufwand, Individualsoftware bei Passgenauigkeit, Datenhoheit und Skalierung nach Nutzerzahl. Genau deshalb entscheidet die Gewichtung, nicht die Zeilenzahl.
| Kriterium | Standardsoftware | Standard plus eigene Kante | Individualsoftware |
|---|---|---|---|
| Anschaffungskosten | niedrig, oft unter 5.000 € Einrichtung | mittel: Lizenz plus 5.000–15.000 € je Schnittstelle | hoch, ab 20.000 €, Spanne bis 80.000 € |
| Laufende Kosten | dauerhaft pro Nutzer und Monat | Lizenz plus Wartung der Eigenanteile | keine Lizenz, Wartung ab 500 €/Monat |
| Time-to-Value | Tage bis Wochen | 4–8 Wochen für die erste Schnittstelle | 3–6 Monate für eine Fachanwendung |
| Passgenauigkeit | der Prozess folgt der Software | Kern standardisiert, Sonderfälle passgenau | die Software folgt dem Prozess |
| Abhängigkeit vom Anbieter | hoch, die Roadmap liegt außerhalb | geteilt: Kern beim Hersteller, Kante bei Ihnen | gering, Standard-Stack und eigenes Repository |
| Datenhoheit | beim Anbieter, Export oft unvollständig | Kerndaten beim Anbieter, Verarbeitung bei Ihnen | eigene Datenbank, eigener Betrieb möglich |
| Update-Aufwand | gering, der Hersteller liefert | der kritische Punkt: Anpassungen brechen bei Versionssprüngen | planbar, Abhängigkeiten im eigenen Takt |
| Skalierung nach Nutzerzahl | Kosten steigen linear mit der Kopfzahl | linear nur im Kern, die Kante bleibt konstant | zusätzliche Nutzer kosten faktisch nichts |
| Prozessvorteil gegenüber Wettbewerbern | keiner, alle nutzen dieselbe Logik | an der entscheidenden Stelle vorhanden | vollständig, das ist der Anwendungsfall |
| Ausstiegsrisiko | Migrationssperre durch Datenformate | Kern migrierbar, Kante bleibt nutzbar | gering, sofern Repository und Dokumentation bei Ihnen liegen |
Die Kostenrechnung, die kaum jemand aufstellt
Angebote werden fast immer über die Anschaffung verglichen: 15.000 € Einführung gegen 45.000 € Entwicklung, und die Entscheidung scheint gefallen. Diese Rechnung ist unvollständig, weil sie zwei unterschiedlich lange Zeiträume vergleicht. Sinnvoll ist ein Betrachtungszeitraum von fünf Jahren – das entspricht ungefähr der Lebensdauer einer Fachanwendung, bevor größere Umbauten anstehen.
Die folgende Rechnung ist ausdrücklich eine Modellrechnung mit frei gewählten Annahmen und kein Angebot. Sie enthält keine Preise realer Hersteller; der Lizenzsatz ist ein angenommener Mittelwert. Ziel ist nicht, ein Ergebnis zu belegen, sondern die Struktur der Rechnung sichtbar zu machen, damit Sie sie mit Ihren eigenen Zahlen wiederholen können.
- ·Annahme 1: 25 Nutzer, über fünf Jahre unverändert.
- ·Annahme 2: Standardsoftware 60 € netto pro Nutzer und Monat – ein angenommener Mittelwert, kein Preis eines konkreten Anbieters.
- ·Annahme 3: 5 % Preissteigerung pro Jahr auf den Lizenzpreis.
- ·Annahme 4: einmalige Einführung, Customizing und Schulung 15.000 € netto.
- ·Annahme 5: Individualsoftware 45.000 € netto einmalig – Mitte der Spanne 20.000–80.000 € aus /kosten/softwareentwicklung.
- ·Annahme 6: Wartung, Hosting und Monitoring 700 € netto monatlich ab Projektstart.
- ·Nicht enthalten: Kapitalbindung und Zinsen, interner Aufwand auf Ihrer Seite, Kosten einer späteren Ablösung sowie Preisänderungen auf der Wartungsseite.
| Zeitpunkt | Standardsoftware kumuliert | Individualsoftware kumuliert | Differenz |
|---|---|---|---|
| Projektstart | 15.000 € | 45.000 € | −30.000 € |
| nach Jahr 1 | 33.000 € | 53.400 € | −20.400 € |
| nach Jahr 2 | 51.900 € | 61.800 € | −9.900 € |
| nach Jahr 3 | 71.700 € | 70.200 € | +1.500 € |
| nach Jahr 4 | 92.600 € | 78.600 € | +14.000 € |
| nach Jahr 5 | 114.500 € | 87.000 € | +27.500 € |
Was dieselbe Rechnung bei acht Nutzern ergibt
Der Umschlagpunkt in der Modellrechnung liegt bei rund 34 Monaten nach Projektstart, also im dritten Jahr. Wer davon ausgeht, das System länger als drei Jahre zu nutzen, kommt mit der Eigenentwicklung günstiger weg – unter den genannten Annahmen und nur dann, wenn tatsächlich 25 Nutzer Lizenzen brauchen.
Ändern Sie eine einzige Annahme, kippt das Ergebnis. Bei 8 statt 25 Nutzern und entsprechend kleinerer Einführung von 8.000 € summiert sich die Standardlösung über fünf Jahre auf rund 39.800 €, die Eigenentwicklung bleibt bei 87.000 €. Der Abstand beträgt dann rund 47.000 € zugunsten des Standards, und er wird auch im zehnten Jahr nicht aufgeholt, weil die Wartung von 8.400 € jährlich über den Lizenzkosten liegt.
Daraus folgt eine unbequeme, aber nützliche Faustregel: Die Nutzerzahl ist in dieser Entscheidung oft wichtiger als die Funktionsliste. Rechnen Sie die Tabelle mit Ihren realen Lizenzpreisen, Ihrer realen Kopfzahl und einer ehrlichen Annahme zur Preissteigerung nach, bevor Sie ein Discovery beauftragen. Wenn das Ergebnis eindeutig für Standard spricht, ist die Entscheidung gefallen – und Sie haben nichts ausgegeben.
Die versteckten Kosten von Standardsoftware
Die Lizenzrechnung ist der sichtbare Teil. Teurer sind oft die Kosten, die nie in einer Kostenstelle auftauchen, weil sie in Arbeitszeit bezahlt werden. Wenn drei Mitarbeitende täglich 45 Minuten damit verbringen, Daten zwischen zwei Systemen zu übertragen, ist das ein voller Personentag pro Woche – der in keinem Softwarebudget steht.
Das zweite Muster sind Schattenprozesse. Wo das Standardprodukt eine Anforderung nicht abbildet, entsteht eine Tabelle daneben. Diese Tabelle wird zum heimlichen Kernsystem: nicht mehrbenutzerfähig, nicht auditierbar, nicht ersetzbar. Formal läuft der Prozess im Standardsystem, faktisch in einer Datei auf einem Laufwerk.
- ·Workarounds in Arbeitszeit: manuelle Übertragungen, doppelte Pflege, tägliche Abgleiche – selten erfasst, aber der größte Einzelposten.
- ·Schattenprozesse in Tabellen, die niemand dokumentiert und die bei Personalwechsel ausfallen.
- ·Anpassungs- und Beratungsleistungen: Customizing wird nach Tagessatz abgerechnet und muss bei jedem Versionssprung nachgezogen werden.
- ·Updatebruch: Je stärker ein Standardprodukt angepasst ist, desto teurer wird jedes Major-Update – der häufigste Grund, warum Systeme jahrelang auf alten Versionen bleiben.
- ·Migrationssperre: Wenn der Export nur Stammdaten enthält, aber keine Historie und keine Zuordnungen, ist ein Wechsel praktisch ausgeschlossen.
- ·Preis- und Paketänderungen: Der Anbieter bestimmt Lizenzmodell und Funktionsumfang. Eine Umstellung auf ein teureres Paket ist eine unternehmerische Entscheidung, die Sie nicht treffen.
- ·Lizenzen für Gelegenheitsnutzer: Wer für drei Buchungen am Tag eine Vollizenz braucht, zahlt den vollen Satz für einen Bruchteil des Nutzens.
Die versteckten Kosten von Individualsoftware – und wie man sie entschärft
Auch die andere Seite hat Posten, die in Angeboten gern klein wirken. Der wichtigste ist die Wartung: Eine Fachanwendung, die zwei bis drei Jahre ungepflegt bleibt, ist nicht mehr schrittweise aktualisierbar, weil zu viele Versionssprünge gleichzeitig nachzuholen sind. Aus Pflege wird dann eine Migration, und die kostet ein Vielfaches. Wer beim Betrieb spart, verschiebt Kosten, statt sie zu vermeiden.
Der zweite Posten ist Wissensbindung. Bei einem Fertigprodukt gibt es Handbücher, Schulungen und einen Markt an Fachkräften. Bei einer Eigenentwicklung gibt es das nur, wenn es jemand herstellt. Der dritte Posten ist die Abhängigkeit von einem Dienstleister – bei einem Einzelunternehmen als Anbieter eine berechtigte Frage, die wir uns regelmäßig stellen lassen.
Diese Risiken lassen sich vertraglich und technisch weitgehend entschärfen, und zwar vor Projektbeginn und nicht bei der Abnahme. Entscheidend ist, dass Sie am Ende nicht nur eine laufende Anwendung besitzen, sondern alles, was nötig ist, um sie von jemand anderem weiterentwickeln zu lassen: Quellcode, Zugänge, Infrastrukturbeschreibung und eine Dokumentation, die jemand ohne Projektwissen lesen kann. Prüfen Sie diese Punkte im Angebot, bevor Sie über den Preis verhandeln.
- ·Repository und Deployment-Pipeline liegen bei Ihnen, nicht beim Dienstleister – vom ersten Commit an, nicht erst bei der Abnahme.
- ·Standard-Stack statt Eigenbau-Framework: TypeScript, Next.js, React, Node.js, Laravel, Python, PHP mit Shopware, PostgreSQL. Jedes Team mit Erfahrung in diesen Technologien kann übernehmen.
- ·Übergabedokumentation und bei Integrationen ein Betriebshandbuch mit Architektur, Konfiguration und Go-Live-Schritten.
- ·Automatisierte Tests für die Fachlogik: Sie sind die einzige Dokumentation, die nicht veraltet, weil sie beim Abweichen fehlschlägt.
- ·Abhängigkeits-Updates im laufenden Takt statt im Sammellauf – enthalten in der Wartung ab 500 € monatlich.
- ·Vertraglich geregelter Exit: Zugänge, Secrets, Infrastrukturbeschreibung und eine Frist für die geordnete Übergabe.
Wie Sie das Risiko halbieren, bevor das Budget steht
Die größte Unsicherheit in einem Softwareprojekt liegt nicht in der Programmierung, sondern in der Annahme, dass alle Beteiligten denselben Prozess meinen. Diese Annahme lässt sich früh und günstig prüfen. Wir stellen im Discovery den Ist-Prozess auf, erheben den Schnittstellenkatalog und legen je Datenart ein führendes System fest – das dauert ein bis drei Wochen und ist die Grundlage für einen Festpreis.
Danach kommt der Durchstich vor dem Vollausbau: ein lauffähiger, schmaler Pfad gegen die echte Testumgebung des Fremdsystems, der die riskanteste Annahme beantwortet. Wenn die Fremd-API ein Pflichtfeld verlangt, das in Ihren Daten nicht existiert, wollen Sie das in Woche zwei wissen und nicht in Monat vier.
Der dritte Hebel ist die Auslieferung in Etappen mit sichtbaren Zwischenständen. Jede Etappe hat einen Preis, ein Ergebnis und einen Abbruchpunkt. Das ist die praktische Umsetzung dessen, was in der Theorie gern Risikomanagement heißt: Sie können nach jeder Etappe aufhören und behalten, was bis dahin fertig ist.
- ·Discovery mit Prozessaufnahme, 1–3 Wochen: Ergebnis sind Schnittstellenkatalog, Soll-Architektur und Festpreis mit Etappenplan.
- ·Durchstich statt Prototyp-Attrappe, 1–2 Wochen: ein echter Datenfluss gegen die Staging-Instanz, nicht ein Klickdummy.
- ·Etappen mit eigenem Preis und definiertem Abbruchpunkt – kein offener Stundenzettel.
- ·Erst lesen, dann schreiben, dann abschalten: Das Altsystem bleibt produktiv, bis der neue Weg nachweislich funktioniert.
- ·Automatischer Abgleich während des Parallelbetriebs, der Abweichungen meldet, bevor sie in der Buchhaltung auffallen.
Rechtliches, das mitgeplant werden muss
Drei rechtliche Anforderungen wirken direkt auf Architektur und Budget und gehören deshalb in die Planung, nicht in die Abnahme. Die erste ist die Auftragsverarbeitung: Sobald ein Dienstleister personenbezogene Daten in Ihrem Auftrag verarbeitet, ist nach Art. 28 DSGVO ein Auftragsverarbeitungsvertrag erforderlich. Das gilt für die Eigenentwicklung wie für jedes Standardprodukt als Cloud-Dienst und für jeden Hoster in der Kette.
Die zweite ist die Meldefrist: Art. 33 DSGVO verlangt, eine Verletzung des Schutzes personenbezogener Daten binnen 72 Stunden an die Aufsichtsbehörde zu melden. Diese Frist ist nur einhaltbar, wenn ein Vorfall überhaupt auffällt. Zugriffs- und Fehlerprotokollierung, Alarmierung und ein nachvollziehbares Job-Log sind deshalb Architekturbestandteile und keine spätere Ausbaustufe. Bei Standardsoftware hängt diese Fähigkeit davon ab, welche Protokolle der Anbieter Ihnen überhaupt zugänglich macht.
Die dritte betrifft buchhaltungsrelevante Daten: Die GoBD verlangen Unveränderbarkeit, Nachvollziehbarkeit und eine Verfahrensdokumentation. Für eine Eigenentwicklung bedeutet das konkret, dass eine Korrektur als neuer Datensatz mit Bezug auf den alten entsteht und nicht als stille Änderung am Original – und dass die Verfahrensdokumentation Teil des Projekts ist. Bei Standardsoftware liefert der Hersteller diese Eigenschaften in der Regel mit; das ist einer der stärksten Gründe, Buchhaltung zu kaufen.
Wenn Ihre Anwendung KI-Funktionen enthält, kommt die Verordnung (EU) 2024/1689 hinzu. Die Verbote unzulässiger Praktiken und die Pflichten zur KI-Kompetenz gelten seit dem 2. Februar 2025, weitere Pflichten greifen ab dem 2. August 2026. Ob und wie stark Sie betroffen sind, hängt vom Einsatzzweck ab und ist eine Rechtsfrage – planerisch relevant ist, dass Zweckbestimmung, Protokollierung und Transparenz gegenüber Nutzern früh festgelegt werden.
Fünf Fragen, die die Entscheidung tragen
Wenn Sie nur eine Seite aus diesem Artikel mitnehmen, dann diese. Die fünf Fragen sind so geschnitten, dass jede Antwort eine Konsequenz hat, die man aufschreiben kann. Beantworten Sie sie mit den Menschen, die den Prozess täglich ausführen, nicht nur mit der Geschäftsführung – Abweichungen zwischen beiden Antworten sind das wichtigste Ergebnis der Übung.
- ·Bildet ein Fertigprodukt Ihren Prozess zu mindestens 90 Prozent ab, ohne dauerhafte Nebenrechnung? Wenn ja: kaufen. Die verbleibende Lücke ist billiger als jede Eigenentwicklung.
- ·Ist dieser Prozess der Grund, warum Kunden bei Ihnen und nicht beim Wettbewerb kaufen? Wenn ja: bauen. Sie können Ihren Vorteil nicht von der Stange kaufen, weil ihn dann alle haben.
- ·Was zahlen Sie in fünf Jahren an Lizenzen, Customizing und Anpassungsberatung – mit Ihrer realen Nutzerzahl und 5 Prozent Steigerung? Liegt die Summe unter Entwicklung plus fünf Jahren Wartung: kaufen.
- ·Hängt der Prozess an einer Excel-Datei, die genau eine Person pflegt? Wenn ja, ist das unabhängig von der Kostenrechnung ein Handlungsgrund – der Ausfall dieser Person ist Ihr eigentliches Risiko.
- ·Dürfen die Daten das Haus verlassen? Wenn nein, entfällt ein großer Teil des Standardmarkts, und die Frage lautet nur noch: Eigenbetrieb eines Standardprodukts oder Eigenentwicklung.
Wenn nach diesen fünf Fragen nur Frage eins für Eigenentwicklung spricht, kaufen Sie Standardsoftware. Eine unvollständige Passung allein hat noch kein Projekt wirtschaftlich gemacht.
Quellen
- Verordnung (EU) 2016/679 (DSGVO), Art. 28: Auftragsverarbeitung — EUR-Lex, Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union, 2016
- Verordnung (EU) 2016/679 (DSGVO), Art. 33: Meldung einer Verletzung binnen 72 Stunden — EUR-Lex, Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union, 2016
- GoBD – Grundsätze zur ordnungsmäßigen Führung und Aufbewahrung von Büchern, Aufzeichnungen und Unterlagen in elektronischer Form, BMF-Schreiben vom 28.11.2019 — Bundesministerium der Finanzen, 2019
- Verordnung (EU) 2024/1689 (KI-Verordnung): Verbote und KI-Kompetenzpflichten ab 02.02.2025, weitere Pflichten ab 02.08.2026 — EUR-Lex, Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union, 2024
Häufige Fragen zum Thema
Die Mitarbeiterzahl ist das falsche Kriterium – entscheidend sind Nutzerzahl und Prozessbesonderheit. Ein Zehn-Personen-Betrieb mit einem einzigartigen Konfigurationsprozess hat einen klaren Fall, ein Sechzig-Personen-Betrieb mit lauter Standardabläufen nicht. Rechnen Sie stattdessen die Lizenzkosten über fünf Jahre gegen Entwicklung plus Wartung.
WEITERLESEN
Frage zu Ihrem Projekt?
Beschreiben Sie Ziel und Rahmen — Sie bekommen eine Einschätzung zu Umfang, Dauer und Budget, bevor irgendetwas beauftragt wird.

